Technik - Umwelt - Wirtschaft 2/2002
Goethe-Institut Inter Nationes / IN-Press
März 2002

Technik und Design

Werner Lütz - Die Harmonisierung von vermeintlichen Gegensätzen


Der Künstler bei der Arbeit.
TUW 2 / 2002 - 6
Foto: W. Lütz

Troisdorf. In welche Schublade er sich selbst einsortieren würde,
wenn er denn müsste, wüsste Werner Lütz nicht zu sagen.
Irgendwo zwischen genialem Frickler, wie man im Rheinland sagt,
und perfektionistischem Ästhet wird er wohl anzusiedeln sein, der
1953 in Troisdorf geborene und dort lebende freischaffende
Künstler, der in seinem früheren Leben als Pädagoge mit
abgeschlossenem Examen sein Brot verdiente. Das Heimatland
der großen Dichter und Denker, der kühlen Techniker und
Ingenieure, doch immer noch auch der kreativen Querdenker,
ohne die eine Nation im geistig-künstlerischen Bereich wohl bald
zum Stillstand käme, hält Nischen parat für Menschen wie
Werner Lütz, die mit neuen Ideen und innovativen Projekten
frisches Blut in die manchmal leicht anämisch wirkende Welt der
hohen, gesellschaftlich anerkannten Kunst bringen, die Segel in
und manchmal gegen den Wind setzen und so neue Impulse
geben. Begonnen hat seine Liebe zur Kunst - und hier
insbesondere der Bearbeitung von Metallen - bereits im jungen
Erwachsenenalter. Doch es mussten noch einmal zwanzig Jahre
vergehen, bis Werner Lütz den Sprung in die Welt der
freischaffenden Künstler wagte. Seit nunmehr fast zehn Jahren hat
er seine eigene kleine Werkstatt, in der er fast ausschließlich
allein an seinen Objekten arbeitet.

Sein Hang zur Perfektion ist Programm

Resultat sind ungewöhnliche Unikate aus Bauteilen
bestimmter, meist luxuriöser Automarken, denen er nach ihrem
ersten "Leben" als funktionales Teil ein zweites Dasein als
funktionales Kunstobjekt beschert. Um ein Höchstmaß an
Perfektion zu erreichen, werden die Metalle oft aufwändig veredelt
oder aufgearbeitet, bevor sie eine Synthese mit hochwertigem
Stein oder erstklassigen Hölzern eingehen dürfen. Oberstes Ziel
für den Künstler ist es, die vorhandene Ästhetik des Ausgangs-
materials während des Arbeitsprozesses so wenig wie möglich zu
verändern und dennoch seine eigenen Vorstellungen so weit wie
möglich einzubringen. Alle Arbeitsgänge werden mit der Hand
ausgeführt und sind entsprechend zeit- und kostenintensiv. Auch
die Vorarbeit, nämlich die Suche nach dem geeigneten Material,
ist manchmal recht mühsam. Im besonders glücklichen Falle ist
es auf Grund des vorhandenen Ausgangsmaterials möglich,
Kleinserien aufzulegen, die dann nicht selten als
Werbegeschenke für besonders gute Geschäftskunden von
Firmen bei ihm in Auftrag gegeben oder als bereits fertiges
Kunstprodukt bei ihm gekauft werden. Für Autoliebhaber, denen
es schwerfällt, sich endgültig von ihren langjährigen vierrädrigen
Gefährten zu trennen, bietet Werner Lütz ein ganz besonderes
Highlight: Nach einer realistischen Beratung fertigt er nach den
Vorstellungen und Wünschen dieser Klientel echte
Liebhaberstücke aus den Filetstückchen der ausgeschlachteten
(Luxus-)Limousinen, die dann als letztes Andenken die
Schreibtische oder Vitrinen der ehemals stolzen Autobesitzer
zieren - als Lampe, als Uhr oder auch als Briefbeschwerer.



Stößelstangen: So erregen sie nicht nur das
Interesse eines Mechanikers.
TUW 2 / 2002 - 5
Foto: W. Lütz

Die trockene Seite der Medaille

Bei aller Liebe zur Kunst und der damit nicht selten
einhergehenden Abneigung gegen Routine, Zahlen
und Buchhaltung ist Werner Lütz wie jeder
Selbstständige - denn nichts anderes ist er als
Künstler - gezwungen, sich mit kaufmännischem Rechnen,
Steuererklärungen, Krankenversicherung, Altersvorsorge, Miete
und anderen Dingen mehr zu befassen.

Für Künstler gibt es in Deutschland übrigens die Möglichkeit, sich
über die Künstler-Sozialkasse zu versichern, die äußerst günstige
Konditionen bietet. Auch über die Vermarktung seiner exklusiven
Arbeiten, über Zielgruppen, Preisgestaltung und Werbung muss
der Künstler sich Gedanken machen. Denn ohne Marketing läuft
auch in der Kunstbranche nichts. Er ist ein Allround-Unternehmer,
der wie die meisten seiner Kollegen für die Buchführung,
Korrespondenz, Organisation und ähnliche Arbeiten selbst
zuständig ist. Neben dem herkömmlichen Vertrieb über die
Ladentheke z.B. einer auf den Automarkt spezialisierten
Buchhandlung nutzt der Künstler in erster Linie das Internet. E-
Commerce ist für ihn und seine Kunden seit einigen Jahren kein
Fremdwort mehr, und seine Website hat er selbst gestaltet.

Auch hier hat der Autodidakt, dem es Spaß macht, über das
Global Net weltweit mit Interessenten zu kommunizieren, seinen
Sinn für Technik und Design bewiesen.

Für ihn, der einige Lebensumwege gegangen ist, um dann doch
bei dem Thema anzukommen, dem sein Herz gehört, hat sich der
Ausstieg gelohnt. Einfach war und ist es nicht. Aber was ist
schon einfach?

"Eben", sagt er, "fast nichts und erst recht nicht die Kunst". Gott
sei Dank gibt es genügend Kunstliebhaber, die seine Objekte
mögen und seine Einstellung teilen, sonst wäre ein Ausstieg nach
den Worten des Künstlers wohl gar nicht möglich gewesen.
http://www.luetz-tesign.de/

Annette Schelb